Über Gurus, KI-Versprechen und die Frage, die wirklich zählt.
Dass der Begriff Zeitmanagement nicht passend ist, und wir besser von Selbstmanagement reden sollten, habe ich schon häufiger geschrieben (zum Beispiel im Beitrag Effektives Zeitmanagement).
Warum? Weil wir die Zeit nicht managen können. Es sind immer (nur) 24 Stunden. Jeden Tag.
Es geht vielmehr darum, wie wir mit der zur Verfügung stehenden Zeit umgehen. Wir managen also uns selbst und den Umgang mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen.
Das ist erstmal ein sinnvoller Ansatz. Der Blick auf uns selbst und wie wir unsere Zeit verbringen, kann wertvolle Erkenntnisse liefern, um zum Beispiel Zeitdiebe zu entdecken, den eigenen Arbeitsrhythmus zu verstehen und mehr Klarheit über die eigenen Prioritäten zu bekommen.
Doch vielen Menschen scheint dieses Selbstmanagement nicht zu reichen. Sie gehen auf die nächste Stufe: die Selbstoptimierung, um das Beste aus sich rauszuholen.
Aus diesem Wunsch nach Selbstoptimierung hat sich mittlerweile eine richtige Szene entwickelt, die die eigene Optimierung und Produktivitätssteigerung zum wichtigsten Ziel erklärt hat.
Selbstoptimierung als Geschäft
Das hat mitunter fragwürdige und mitunter auch gefährliche Blüten getrieben. Einige Menschen haben daraus "interessante" Geschäftsmodelle und Methodiken entwickelt.
Angefangen bei denen, die beruflichen und privaten Erfolg dadurch versprechen, dass man nur früh genug aufstehen und tägliche Routinen wie morgendliche Meditation und Jogging-Läufe einhalten muss.
Du bist ein Morgenmuffel und bist vor 10 Uhr morgens zu keinem klaren Gedanken fähig? Pech gehabt. Dann wirst du nie erfolgreich.
Hier wird die Aufstehzeit zu einem moralischen Statussymbol überhöht. Wer früh aufsteht, hat Charakter, wer nicht, hat ein Defizit.
Wer weniger schläft, kann mehr arbeiten. Ist das euer Ernst?
Extremer wird es, wenn zum Beispiel von polyphasischem Schlaf die Rede ist. Dabei soll die Gesamtschlafzeit reduziert werden und durch eine kurze Kernschlafphase und über den Tag verteilte Kurzschlafphasen ersetzt werden. Das Versprechen: mehr Zeit, die einem zur Verfügung steht, um zu arbeiten und erfolgreich zu werden. Ein aus medizinischer Sicht sehr fragwürdiger und vielfach kritisierter Ansatz.
Andere wiederum versprechen, dass künstliche Intelligenz alles für einen erledigen kann, und sich das Geld quasi im Schlaf verdienen lässt. 10.000 Euro pro Monat sind dann kein Problem. Und das vollständig automatisiert und ohne Programmierkenntnisse.
KI gilt offenbar immer noch als das ultimative Werkzeug, mit dem alle Probleme beseitigt werden können.
Doch auch hier gibt es viel Kritik. Gefälschte Testimonials, unseriöse Affiliate-Systeme und rasant ansteigender KI-Slop, also KI-generierte Inhalte, die so nichtssagend und generisch sind, dass sie das Internet vollschleimen.
Beyoncés Team und Dein Alltag
Eine Aussage, die mir immer wieder über den Weg läuft: "Du hast die gleichen 24 Stunden wie Beyoncé "(oder setze hier irgendeine andere extrem erfolgreiche Person ein)". Es ist eine Abwandlung der uralten Aussage, dass es jede:r schaffen kann, also die klassische Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär.
Was dabei meist außer Acht gelassen wird: für die meisten von uns funktioniert das nicht. Oft entscheidet der gesellschaftliche und soziale Status darüber, ob man erfolgreich werden kann.
Für die meisten von uns funktioniert das nicht.
Die Bildungsungerechtigkeit in Deutschland zeigt das sehr deutlich: Laut PISA-Studie 2022 liegen sozial benachteiligte Jugendliche in Mathematik 111 Punkte hinter Gleichaltrigen aus privilegierten Familien, mehr als im OECD-Schnitt. Kinder aus finanziell benachteiligten Familien haben also nachweislich geringere Chancen auf einen höheren Schulabschluss.
Beyoncé bekommt ihren Tag übrigens auch nur dadurch geregelt, dass sie ein ganzes Team um sich schart. Nannys kümmern sich um ihre Kinder, Assistent:innen managen ihren Tag, Trainer sorgen für ihre Fitness. Es ist ein bezahltes Team, das ihr Zeit abnimmt.
Was heißt eigentlich erfolgreich?
Mir ist aufgefallen, dass männliche Produktivitäts-, KI- und Selbstoptimierungs-Gurus die Optimierung meist als Eroberung verkaufen. Es geht um Geld, Frauen und Status, den man sich erkämpfen muss.
Bei Frauen spielt hingegen Heilung und Selbstliebe die größte Rolle. Werde die beste Version von dir, dann kommt der Rest von alleine (zum Beispiel wie bei den "High Value Woman"-Coaches).
Das Produkt ist dabei aber meist das Gleiche. Egal ob es ein Buch ist, ein Videokurs, ein "Coaching" oder Live-Events. Es wird immer ein Programm und Konzept verkauft, an das man sich nur halten muss, damit es funktioniert.
Warum ich das Wort Coaching dabei in Anführungszeichen geschrieben habe? Weil es genau das nicht ist. Denn beim Coaching unterstützt man Menschen dabei, eigene Lösungen zu entwickeln und ihren individuellen Weg selbst zu gestalten. Und genau das machen diese "Coaches" nicht. Sie liefern eine Komplettlösung. Oft für sehr viel Geld.
Und wenn es dann trotz der großen Versprechungen nicht funktioniert? Dann heißt es oft: "Du hast dich nicht exakt an das vorgegebene Konzept gehalten." Und das passiert offenbar vielen Menschen. Das ist übrigens einer der Hauptgründe, warum der Begriff des Coaches mittlerweile so negativ behaftet ist.
Das bringt uns zurück zum Anfag.
Selbstmanagement heißt: Du schaust auf dich selbst, um zu verstehen, wie du wirklich arbeitest und was du brauchst. Doch darum geht es bei den genannten Selbstoptimierungsmethoden nie.
Erkenntnis statt Selbstoptimierung
Mein größter Kritikpunkt an all diesen Angeboten, Konzepten und Programmen: Sie bieten immer eine fertige Lösung. Diese Lösung hat vielleicht für die Person, die sie bewirbt, auch tatsächlich funktioniert. Aber das muss nicht deine Lösung sein. In vielen Fällen ist sie das auch nicht. Am Ende geht es oft nur darum, dir das Geld aus der Tasche zu ziehen, und davon profitieren nur der Erfinder oder die Influencerin.
Selbstoptimierung ist meiner Meinung nach deshalb auch der völlig falsche Ansatz. Denn dabei ist immer ein überhöhtes Ziel im Fokus: der Erfolg in Form von Geld, Status oder Zeit.
Viel besser funktioniert es, wenn man den Weg, den man bestreitet, vielmehr als Weg zur Selbsterkenntnis betrachtet.
Was brauche ich, damit sich mein Tag richtig anfühlt?
Daraus ergibt sich dann auch eine ganz andere Ausgangsfrage. Verabschiede dich von Fragen wie "Wie schaffe ich mehr in weniger Zeit" oder "Wie werde ich erfolgreicher", sondern "Was brauche ich, damit sich mein Tag richtig anfühlt".
Das ist eine Frage, die dir niemand vorgefertigt beantworten kann, weil die Antwort bei jeder und jedem anders ausfällt. Schließlich geht es um dein persönliches Selbstmanagement.
Deshalb funktionieren die fertigen Lösungen oft nicht. Sie beantworten nicht deine Frage, sondern die Frage der Influencerin oder des "Coaches".
Und genau darin sehe ich meine Aufgabe als Prioritäten-Coach. Ich bin nicht derjenige, der dir meine Antwort gibt. Ich finde zusammen mit dir oder deinem Team deine eigene.
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Titelfoto von Emily Bauman auf Unsplash

Hi, ich bin André!
Ich bin Prioritäten-Coach aus Haan im Rheinland. Seit über 25 Jahren helfe ich Menschen dabei, sich und ihre Arbeit besser zu organisieren: klarer priorisieren, strukturierter arbeiten, digital aufgeräumt sein.
In meine Artikel lasse ich meine Erfahrungen als Biologe, Lean Manager in der Industrie und Coach einfließen. Hier erfährst du Wissenswertes rund um die Themen Zeitmanagement, Selbstführung, Teamorganisation, Stressbewältigung und Veränderung. Ich stehe für Pragmatismus statt Perfektionismus. Das gilt für meine Arbeit genauso wie für die Tipps auf dieser Website.



