Knapp 2000 Menschen sind auf Social Media mit mir vernetzt.
Wie viele davon kenne ich wirklich? Wenn ich ehrlich bin: vielleicht 200. Mit viel gutem Willen 300.
Trotzdem habe ich jahrelang Zeit investiert, damit es mehr werden. Beiträge geschrieben, umformuliert, wieder verworfen. Nach dem Posten alle paar Minuten nachgeschaut, wie viele Likes schon da sind. Und weil ich sowieso gerade in der App war, noch ein bisschen durch die Timeline gescrollt. Aus ein paar Minuten wurden schnell ein bis zwei Stunden am Tag.
Das Absurde daran: Ich bin Coach für Zeitmanagement. Ich helfe Menschen dabei, ihre Zeit für das einzusetzen, was ihnen wirklich wichtig ist. Ausgerechnet bei mir lief da etwas gründlich schief.
Lange dachte ich, mein Social-Media-Frust liegt an mir. Zu introvertiert, zu wenig Lust auf Selbstdarstellung. Heute weiß ich, dass das nur ein kleiner Teil der Wahrheit ist. Der eigentliche Grund geht viel tiefer. Er hat mit etwas zu tun, das weit über Social Media hinausgeht.
Genau darum geht es in diesem Beitrag. Er ist der erste Teil meiner Social-Media-Neuausrichtung, und hier geht es um das Warum. Was ich konkret ändere und wie ich als Selbstständiger stattdessen sichtbar bleiben will, liest du im zweiten Teil, der am 06.11.2026 erscheint.
Ich schaue dabei aus beruflicher Sicht auf das Thema. Für mich als Soloselbstständigen ist Social Media vor allem ein Schaufenster. Und wenn ich von Social Media spreche, meine ich vor allem LinkedIn.
Wenn du selbst auch eine Art Hassliebe zu LinkedIn, Instagram und Co. pflegst, egal ob beruflich oder privat, wirst du dich und deinen Social-Media-Frust vermutlich an einigen Stellen wiedererkennen.
Brauchen Selbstständige wirklich Social Media?
Warum möchten so viele Menschen möglichst viele Kontakte und Follower haben? Warum wollte ich das? Und in welcher Beziehung stehe ich eigentlich zu diesen Menschen?
Das Hauptargument: Wir Selbstständigen brauchen Social Media für unseren Beruf. Für die eigene Sichtbarkeit, als Werbeplattform oder für direkten Kundenkontakt und Akquise.
Ja, es gibt Menschen, die sehr gut darin sind, sichtbar zu sein und Aufmerksamkeit zu erzeugen. Und bei ihnen klettert die Followerzahl und wächst die Kontaktliste kontinuierlich an. Ab und zu geht sogar ein Post „viral“ und erreicht hunderttausende von Menschen.
Für die meisten von uns, mich eingeschlossen, ist das nicht der Fall. Da spielt sich alles in viel kleinerem Maßstab ab.
Ich will aber nicht leugnen, dass ich über Social Media einige interessante Kontakte gefunden habe. Andere Selbstständige, mit denen ich mich austausche. Wir unterstützen uns gegenseitig.
Neue Kund:innen habe ich über LinkedIn aber nie gewonnen. Die finden mich über Google und inzwischen auch über KI.
Viel Aufwand, wenig Wirkung
Die Hauptaufgabe für mich als Selbstständigen ist es, Content zu erzeugen: Postings, Reels, Storys, Videos. Aber was bewirkt ein Post bei den Empfangenden eigentlich? Setzen sich die Menschen intensiv mit dem Inhalt auseinander? Oder ist der Post vielleicht doch nur einer von vielen, der in die Timeline gespült wird und bereits nach wenigen Sekunden wieder ins Nirvana verschwindet?
Tatsächlich ist unser Post nur einer von unzähligen anderen. Warum sollte also dieser eine, an dem man etliche Stunden geschrieben und gefeilt hat, jetzt etwas Besonderes sein?
Trotzdem habe ich immer weiter gepostet und nach jedem Beitrag die Likes gezählt. Ein bis zwei Stunden am Tag, die ich sinnvoller hätte nutzen können.
Bereits in meinem allerersten Blogbeitrag habe ich über die Flüchtigkeit von Social Media geschrieben. Das ist jetzt drei Jahre her. Und mein Gegenentwurf war und ist auch heute noch mein eigener Blog.
„Du musst …“: die ungeschriebenen Regeln von LinkedIn
Trotzdem bin ich in die Social-Media-Falle getappt. Die Stimmen der „anderen“ waren einfach zu laut.
„Als Selbstständiger brauchst du Sichtbarkeit. Und die gibt es nur mit Social Media.“
„Du musst auf LinkedIn regelmäßig posten, damit du sichtbar wirst.“
„Du musst dich an die Spielregeln halten, damit der Algorithmus dich sichtbar macht.“
„Du musst verschiedene Postingtypen nutzen, damit du sichtbar bleibst.“
Ganz schön viele Regeln. Aber ich habe versucht, sie zu befolgen. Schließlich wollte ich ja sichtbar werden.
Doch Spaß gemacht hat mir das nie. Als recht introvertierter Mensch war und ist es für mich immer noch eine Hürde, mich zu zeigen, über mich zu schreiben und für mich zu werben.
„Social Media kann man lernen.“
Auch das hatte ich oft gehört. Und geglaubt, dass das auch für mich gilt.
Zu einem gewissen Grad stimmt das auch. Ich habe tatsächlich etwas gelernt: über Algorithmen, Postingtypen, Frequenzen, Auswertungen und Engagement.
Aber eine Sache habe ich ganz besonders gut gelernt: dass Social Media einfach nichts für mich ist.
Und dabei geht es um weit mehr als Introvertiertheit.
Bis ich verstanden habe, woran es wirklich liegt, hat es eine Weile gedauert. Die Antwort betrifft nicht nur Social Media, sondern eigentlich jede Situation, in der du dich für oder gegen etwas entscheidest.
Der eigentliche Grund: meine Werte
Dafür muss ich kurz ausholen. Und zwar mit drei Fragen:
Wer diese Fragen beantworten kann, kennt seine Werte. Also das, was für dich nicht verhandelbar ist und wonach du handelst.
Viele von uns leben diese Werte unbewusst, ohne dafür feste Begriffe zu haben. Sichtbar werden sie trotzdem, nämlich in unserem Verhalten. Wem Fürsorge wichtig ist, geht vielleicht in einer Assistenzrolle voll auf. Wer gerne organisiert, wird möglicherweise Projektmanager:in.
Je besser deine Entscheidungen zu deinen Werten passen, desto stimmiger fühlt sich dein Alltag an.
Was sind deine unverhandelbaren Werte? Kannst du sie benennen? Wenn du dir darüber noch nie Gedanken gemacht hast, dann nutze dafür doch gerne meinen Wertekompass.
Doch was passiert, wenn man in einer Situation ist, in der man sich entgegen seiner eigenen Werte verhält, egal ob freiwillig oder weil man keine andere Wahl hat? Dann fühlt es sich intuitiv falsch an. Möglicherweise können wir es gar nicht richtig benennen. Oft entsteht dieses Gefühl über längere Zeit. Man ist unglücklich und unzufrieden, fühlt sich fehl am Platz oder frustriert.
Genau so war es bei mir und Social Media. Die Erkenntnis kam mir, als ich in einem anderen Zusammenhang nochmal auf meine Werte geschaut habe. Erarbeitet hatte ich sie in meiner Ausbildung zum Change-Coach. Damals hatte ich sie zum ersten Mal wirklich benannt. Das sind sie:
Wertschätzung | Augenhöhe | Hilfsbereitschaft
Neugierde | Humor
Plötzlich wurde es mir klar. Und ich fragte mich, warum ich das nicht schon viel früher erkannt hatte.
Wo bleibt die Wertschätzung?
Das Verhältnis von Social Media Plattformen und ihren Usern ist alles andere als wertschätzend. Die Betreiber von Facebook, X, LinkedIn, Instagram, TikTok und Co. wollen in erster Linie Geld verdienen. Dafür ist ihnen fast jedes Mittel recht. Algorithmen durchleuchten die User und versuchen, sie möglichst lange online zu halten. Hierfür nutzen sie auch Mechanismen, die dafür sorgen, dass wir süchtig nach Social Media werden können. Nicht ohne Grund kann man unendlich durch die Feeds und Timeline scrollen. Ständig wird einem neuer Content vorgeschlagen.
Inhalte, die kontrovers sind, werden bewusst in den Vordergrund gebracht. Denn sie versprechen besonders viel Interaktion. Und dann ist es kein weiter Weg mehr zu Hass und Hetze. Radikales klickt gut.
Dass das nicht gesund ist, zeigen inzwischen viele Studien. Laut WHO ist der Anteil Jugendlicher mit problematischer Social-Media-Nutzung zwischen 2018 und 2022 von 7 auf 11 Prozent gestiegen. Aber auch uns Erwachsene betrifft das. In einer Studie der Ruhr-Universität Bochum haben Berufstätige eine Woche lang täglich nur 30 Minuten weniger auf Social Media verbracht. Das Ergebnis: Sie waren zufriedener mit ihrer Arbeit, fühlten sich weniger überlastet und psychisch gesünder.
Politisch wird daher immer häufiger diskutiert, wie man vor allem junge Menschen beim Umgang mit Social Media schützen kann.
Mein Fazit:
Wertschätzung? Fehlanzeige!
Auf Augenhöhe mit Big Tech?
Mir ist es wichtig, dass sich Menschen gleichwertig, gleichberechtigt und mit gegenseitigem Respekt begegnen. Niemand soll sich dabei über- oder unterlegen fühlen.
Sehe ich das bei den großen Tech-Konzernen? Ganz sicher nicht. Die Betreiber der Social-Media-Plattformen sind immer überlegen. Sie haben die Kontrolle über unsere Daten, sie bestimmen, was wir sehen und was nicht, sie steuern uns mit ihren Algorithmen, ohne dass wir wissen, wie sie funktionieren. Das ist garantiert keine gleichberechtigte Konstellation.
Warum also unterwerfen wir uns diesem System dann freiwillig?
Weil wir glauben, dass wir müssen. Uns wurde jahrelang erzählt, dass es ohne Social Media einfach nicht geht.
Wenn soziale Netzwerke unsozial werden
Und was ist mit meinen anderen Werten: Hilfsbereitschaft, Neugierde und Humor?
Da kommt es auf jeden Einzelnen an. Denn ein soziales Netzwerk funktioniert nur, wenn darin sozial agiert wird. Dazu gehört es für mich, Impulse zu liefern, spannende Geschichten zu erzählen, Neues zu lernen, Fragen zu stellen, Fragen zu beantworten, um Hilfe zu bitten, Hilfe anzubieten oder einfach nur eine entspannte Zeit zu haben.
Doch die Realität sieht anders aus.
Durch die bereits beschriebenen Algorithmen wird das alles schon lange nicht mehr gefördert. Vielmehr zählt nur das, was polarisiert. Denn das erzeugt besonders viel Interaktion, egal ob Widerspruch oder Unterstützung. Je kontroverser oder grenzüberschreitender es wird, umso mehr wird es mit Sichtbarkeit und Reichweite belohnt.
Solche Inhalte sind schnell produziert. Sie sind simpel aufgebaut und folgen einfachen Prinzipien. Also auch ideal, um von KI erstellt zu werden. Und so wächst der Anteil an Inhalten, die von Maschinen statt von Menschen erstellt werden, immer mehr an. Nach und nach wird dadurch alles zu einem sich immer wiederholenden Einheitsbrei.
Genau das Gleiche passiert mit LinkedIn-Kommentaren. Kommen sie tatsächlich noch von Menschen oder haben auch hier KI-Agenten bereits die Oberhand gewonnen?
Die Interaktion zwischen echten Menschen nimmt also mehr und mehr ab. Und damit auch meine Neugierde, mich überhaupt noch mit neuen Inhalten zu beschäftigen. Einen Mehrwert für mich sehe ich kaum noch. Gleichzeitig gehen damit auch der Spaß und Humor verloren.
Meine ehrliche Bilanz
Zusammenfassend heißt das für mich:
Was ist deine Bilanz?
Wenn du zu ähnlichen Ergebnissen kommst, dann lies gerne den zweiten Teil meiner Social-Media-Neuausrichtung, der am 06.11.2026 erscheint. Darin zeige ich dir, was ich konkret ändere, damit Social Media weniger Raum bekommt. Und wie ich als Selbstständiger trotzdem sichtbar bleiben will.
Titelbild von Clay Banks auf Unsplash
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Hi, ich bin André!
Ich bin Prioritäten-Coach aus Haan im Rheinland. Seit über 25 Jahren helfe ich Menschen dabei, sich und ihre Arbeit besser zu organisieren: klarer priorisieren, strukturierter arbeiten, digital aufgeräumt sein.
In meine Artikel lasse ich meine Erfahrungen als Biologe, Lean Manager in der Industrie und Coach einfließen. Hier erfährst du Wissenswertes rund um die Themen Zeitmanagement, Selbstführung, Teamorganisation, Stressbewältigung und Veränderung. Ich stehe für Pragmatismus statt Perfektionismus. Das gilt für meine Arbeit genauso wie für die Tipps auf dieser Website.




